Dienstag, 20. November 2012

"Eine Aufgabe auszuwählen, während man gleichzeitig eine andere in Wartestellung bringt, bedeutet Prioritäten setzten. Dies ermöglicht den Menschen eins nach dem anderen die Punkte von der Aufgabenliste zu streichen. Procrastination ist es, wenn man diese Liste ständig umorganisiert, sodass wenig oder überhaupt nichts von ihr erledigt wird."
Mandy M., Mitarbeiterin Bafögamt Kiel


Aufatmen. Bald gibt es wieder einen richtigen Bericht aus Aarhus, leider habe ich zur Zeit viel um die Ohren. Um die Zeit zu überbrücken gibt es hier mal ein paar Bilder eines Ausflugs. Mit dabei sind meine Mitbewohner Anissa und Ovidiu.
Als ich vor zwei Wochen am Samstag morgen um 11 Uhr morgens verschlafen aus meinem Zimmer trottete saßen die beiden, sichtlich gezeichnet vom vorigen Abend, im Gemeinschaftsraum und begrüßten mich im euphorischen Chor mit den Worten: "LETS START A MOVEMENT!!!" (die ultimative Insiderphrase in unserem Haus).
Wie sich herausstellte hatten beide die Nacht durch gefeiert, aber die Müdigkeit trübte ihren Tatendrang in keiner Weise. Keine Frage: Übermüdete Mitbewohner sind lustig, also willigte ich ein. Wir entschieden uns für einen Spaziergang am Meer, aber seht selbst:

Der Herbst in den dänschen Wädern: Wunderschön!

Das allgemeine dänische Herbstwetter: nicht so schön!

Eine verschmutzte Kameralinse: auch nicht so schön.

Industriehafen Aarhus..schön?!

Typische Villa im reichen Strandbezirk

Zwischendrinnen immer mal wieder ein bisschen Tradition

...und Eulen..

...und Schlösser...

Anissa aus Frankreich und Ovidiu aus Rumänien

Wunderschöner Park, im warmen Herbstrot

Jahaa, das links bin ich!

Der Steg des Winterbadevereins

Winterbadeverein?! JA!! WINTERBADEVEREIN!..verrückte Dänen..

Die beiden haben in ihrer Katerstimmung während unserer Tour 1 kg Studentenfutter verschlungen

Direkt um die Ecke ein Wildpark mit sehr zutraulichen Tieren

0.o

...so schön...

SO SCHÖN VERDAMMT!!!



Montag, 5. November 2012

"En julebryg er en særlig øl, som bryggerierne sender i handelen i tiden op til jul."
Lukas, Kapitel 2, Vers 7



Mich gibt es noch: Heureka! Ich besitze zwar nicht die Schädelbreite von Archimedes aber zur Phrenologie kommen wir später.
Viel gibt es zu berichten. Ich gebe mal einen Abriss meiner letzten Tage:
Ich war ziemlich im Streß, da ich ein Paper über den Mutiny 1857 in Indien schreiben musste. Tolle Erfahrung mal sowas auf Englisch zu schreiben (mein erstes Mal), war mit meinem Resultat nicht ganz zufrieden, aber es hat meinen Ehrgeiz geweckt. Um Ehrlich zu sein freue ich mich schon Ende November mein zweites Paper zu schreiben. Zurück zum Thema. Wie gesagt, ich habe viel geschrieben, am Donnerstag mein Werk abgegeben und bin dann in ein typisches Erasmuswochende gestartet.
Wie sieht so ein Wochenende aus? Ich werde versuchen euch einmal hierher mitzunehmen.


Donnerstag (ja, das Wochenende startet hier schon Donnerstags)
Nun gut, Donnerstag Abend gab es ein paar Häuser weiter eine Überraschungsparty für eine  Freundin inklusive Spaghetti Carbonara für alle ca 40 Gäste und dazu Unmengen an verdammt guten Schoko-Kuchen mit flüßigen Schokokern. Super sach, grad für'd junge Leud.
Die Überraschung schlug bei dem Geburtstagskind ein wie eine Bombe. Wir hatten auch entsprechende Vorarbeit geleistet und ihr die ganze Zeit unterschwellig eingeredet, dass der Geburtstag doch gar nichts so wichtiges ist, und sie hier doch eh niemanden hat mit dem sie feiern könnte. Ohne auflösende Party wäre das arme Ding wohl noch an Minderwertigkeitskomplexen verendet.

SCHOKOKUCHEN.

Geburtstagskind mit Freudentränen in den Augen (wahrscheinlich wegen des Schokokuchens)
Danach ging es in die Australian Bar: Der Ort aller Austauschstudenten. Eine tolle Bar/Disko, wenn auch nicht ganz ohne. Wieso? Beim ersten Mal muss man sich registrieren: Via Ausweis, Bild und Fingerabdruck. Bei jedem weiterem Besuch muss man am Eingang nur seinen Finger auf dieses Gerät legen (wie man es vom Flughafen kennt) und wird dann anschließend vom Türsteher mit Namen begrüßt. Gruselig. Würde mich eigentlich normalerweise niemals auf so etwas einlassen, aber: es kostet keinen Eintritt und es gibt dort bis auf zwei Tage in der Woche zwischen 23 und 24 Uhr Freibier. Und das wirklich soviel man will aber vor allem trinken kann. Mal ganz Ehrlich, da vergisst man schon einmal gerne seine Ideale. Es handelt sich hier um dänisches Royal Bier, unliebevoll aus Pitchern ausgeschenkt. Man sollte sich gar nicht erst die Hoffnung eines prickelnden Biererlebnisses machen, man würde nur maßlos enttäuscht werden. Das Beste an diesem Bier ist, dass es kalt ist (warm wäre es absolut ungenießbar) und vor allem: Es ist umsonst!!
Da nur eine Stunde "Happy Hour" verbleibt kann man oft bei verzweifelten Studenten eine, nennen wir es mal „Druckbetankung“ beobachten. Die Musik ist gemischt, teils ganz gut.

Kompletter Bus gefüllt mit den Gästen der Überraschungsparty auf dem Weg zur Australian Bar
Australianbar
Freitag
Erst einmal war ich körperlich sehr neben der Spur. Abends stand meine Geburtstagsnachfeier an. Ich hatte neben meinen Mitbewohnern noch einige Freunde zu einem großen deutschen Essen eingeladen. Um die Mengen an Lebensmitteln auch bezahlen zu können entschied ich mich im Vorfeld für ein vegetarisches Essen: Knödel mit Pilzrahmsoße, glasierte Karotten und Rotkohl. Zum Einkaufen ging es dann zum Bazar West: Meine Neuentdeckung hier schlecht hin. Wie ich euch bereits geschildert habe liegt mein Wohnheim ziemlich außerhalb der Stadt, am Rande der Natur. Zwischen dem Wohnheim und der Stadt findet man eine Art „Ghetto“. Den Migrationsanteil der Bewohner würde ich auf mindestens 80% schätzen. Es ist wie eine kleine eigene Kommune und im Zentrum steht Bazar West: ein echter Bazar!!
Willkommen im Bazar West

Einer der vielen winzigen Gänge zwischen den chaotischen Läden

Teil der riesigen Gemüsehalle

In einem umfunktionierten Lagerhallenkomplex findet man sich plötzlich zwischen orientalischen Kitsch, arabischen Essen, sehr netter Leute aber auch zwielichtigen Gestalten und vor allem einer unglaublicher Vielfalt an Lebensmitteln wieder. Es ist wie eine echte Parallelwelt. Anders als in der bisher gewohnten dänischen Welt, die stets mit einer höflichen Distanz verbunden ist geht es hier sehr laut und bunt zu. Es gibt nichts was es nicht gibt im Bazar West. Das Gemüse und die Früchte haben eine klasse Qualität, sind preiswert und man muss nicht riesige Packen kaufen wie in den Supermärkten. Gewürze, Süßigkeiten, Fleisch, einfach unglaublich toll! Das könnt ihr sicher anhand der Bilder erahnen.
Darfs vielleicht noch ein Schweinchen sein?

Und noch ein anderer Teil der Gemüsehalle.
Dann stand ich erst einmal ein paar Stunden in der Küche bis dann meine Gäste eintrudelten (ich hatte in einem vorigen Post bereits die südländische Verspätungsmentalität erwähnt...an diesem Abend stellten wieder die Portugiesen mit 1h Verspätung den Rekord auf, Bravo.).
Meine Gäste erwarteten (wie ich erst nach dem Essen erfahren durfte) Sauerkraut und Würstchen. Jede menge Würstchen. Darum waren sie im Vorfeld bei weitem nicht begeistert deutsches Essen zu probieren und nahmen die Einladung mehr aus Höflichkeit an(was ich auch erst nach dem Essen erfuhr). Im Nachhinein erklärt das auch das skeptische Beäugen der Töpfe zu Beginn in der Küche. Als ich Giulio, einem Italiener aus Turin, erklärte was  Semmel-Knödel sind huschte einen kurzen Augenblick ein gewisser Ausdruck an Ekel über seine Mimik. Mit seinem italienischen klischee Akzent erwiderte er nach kurzer Bedenkpause in einem möglichst höflichen Ton: (ich habe mal zur Vervollständigung eurer Vorstellung des italienischen Akzents die typischen e's ergänzt) „Old(e) bread(e), eggs?......and(e)....you are boiling it in water? …..Listen. Why can't we fry it(e)?Maybe its(e) better?“
Ich vertröstete ihn darauf einfach mal abzuwarten, schließlich waren es deftige Specknödel mit jeder Menge Zwiebeln. Der sollte doch laufen.
Wie sich herausstellte hatten die Wenigsten zuvor mal deutsch gegessen, und wenn bestanden die Erfahrungen nur aus Sauerkraut und Würstchen. Knödel war für all meine Gäste ein komplettes Neuland. Verrückt.
Rechs Giulio, trotz anfänglicher Skepsis hat er am Ende 3 1/2 Semmelknödel gegessen (man beachte auch den riesigen Soßentopf! Schwäbische "es muss in Soß schwimmen" Tradition auch hier in Dänemark durchgesetzt)

Die Tafel (was für ein klasse Wort)
Im Endeffekt waren doch alle sehr begeistert von der neuen kulinarischen Erfahrung, vor allem die Portugiesen und Spanier fuhren echt auf den Geschmack ab.

Anschließend ging es auf den J-Day in der Altstadt: das vorweihnachtliche Spektakel hier schlechthin. Das ist der Tage an dem „das Jule-øl (Weihnachtsbier) kommt“. Es gibt eine festgelegte Zeit am Abend ab der das Bier verkauft wird. Sie verkaufen dieses etwas herbere Gerstengebräu mit den enthaltenen 5,6% als Starkbier.
Aus diesem Grund gibt es an diesem Abend auch von den Brauereien Programm. Wie läuft das ab? Man kann sich das ähnlich vorstellen wie einen Auftritt des Duffmans bei den Simpsons. Man befindet sich in einer Bar, unterhält sich, süffelt sein Jule-øl, schaut amüsiert einem dänischen Kerl zu, der in einem komplett weißen Anzug vergeblich versucht wie Michael Jackson zu tanzen. Plötzlich fährt unter lauter Musik ein eindrucksvoller LKW vor, die Tür fliegt auf!
Der LKW fährt vor!!!
Es tanzen leicht (aber weihnachtlich) bekleidete Damen herein, gefolgt von paar starken Männern mit Bierkisten. Die Mädels verteilen Lippenabdrücke mit Stempeln, leuchtende Buttons (beschriftet mit „X-MAS“), Weihnachtszipfelmützen und anschließend Freibier. 
Noé wird von einer J-Day Dame beschenkt: Happy J-Day Noé!
So unerwartet dieser Spuk einsetzt, so unerwartet hört er auch plötzlich wieder auf. Es gibt schließlich auch eine Menge Bars in Aarhus die bedient werden müssen.
Ein paar Impressionen findet ihr bei Youtube unter J-Day:
Oder hier:
Simples aber effektives Marketing

Eine der Bars in der verwinkelten Stadt

Samstag: 
Tagsüber lernen, abends steht eine Helloweenparty im Haus 77 meiner Wohnheimsanlage Skjoldhold Kollegiet an. Haus 77 ist inzwischen der Inbegriff guter Feiern hier geworden. Die Bewohner des Hauses aus aller Herren Länder sind super drauf und alle auf einer Wellenlänge. Dieses Mal endlich eine Party mit Motto: Scary Helloween. Nicht gerade kreativ, aber wenigstens etwas! Ich liebe Mottoparties, aber hier stellt sowas noch eine größere Herausforderung als in Deutschland dar: da kann man nicht einmal kurz zu Kik gehen und sich ein Kostüm für 3 Euro zusammenkaufen. Man will kein Geld ausgeben, und trotzdem kreativ sein. Ich entschied mich als Phrenologenzombie zu gehen (den Glauben an Schädelvermessung finde ich schon sehr gruselig). Laborkittel und Brille bekam ich von meinem Mitbewohner der Chemie studiert, die Haare zum Seitenscheitel gegelt, ein bisschen bleichen Teint und dunkle Augenhöhlen geschminkt, aus chinesischen Essensstäbchen und einem Küchengummi in MacGywermanier ein Kopfvermessungsgerät gebastelt, eine sinnlose phrenologische Tabelle malen und fertig. Schädelvermessen ist tatsächlich eine super Sache auf um mit Leuten auf Parties ins Gespräch zu kommen. Kann ich nur empfehlen.
Der Joker, durch die Phrenologie endlich entschlüsselt: Er hat die Schädelhöhe eines Werwolfes. Kein Wunder hasst er Fledermäuse.
Zerschossener Mister T (sein litauischer Name ist zu kompliziert...wirklich!)


Was macht Freddie Mercury mit Pacman?!?!...jetzt wirds gruselig!

Als es plötzlich kein Klopapier auf der Toilette gab war klar, wer eigentlich ohne Kostüm gekommen war...
Von der Standardhelloweenverkleidung bis hin zur Kerze: Alles da!

Theo Waigel...das ist nicht gruselig, das gehört verboten!
Neue nette Freunde aus der Heimat (konnte ich anhand der Schädelmaße ermitteln)
Gangnam Syle war gestern!

Ansonsten eine klasse Party, die bis zum frühen Morgen ging. Tolle Leute, viel Spaß, ich war allerdings froh als ich endlich in mein Bett fallen konnte.


Sonntag:
Erholen.


Ja, das war ein Erasmuswochenende. Nicht vergessen, das ist nur eine Seite der Medaille. Ich muss unter anderem gerade für ein Seminar für mein Paper 800 Seiten Literatur suchen und durcharbeiten...nein: es besteht hier nicht alles aus dem Feiermodus. Keinen falschen Eindruck hier bekommen, alles klar?! In diesem Sinne, macht es gut, ich hoffe es hat euch gefallen.
Bis zum nächsten Mal.
Tobi